Eine erstklassige Anleitung für Kampagnenjournalismus und politische Mobilisierung im Österreich des Jahres 2011 lieferte unlängst die gute alte Kronen Zeitung.
Vor ein paar Wochen skandalisierte das Blatt die vermeintliche Massentötung von Straßenhunden in der Ukraine. Um die dortigen Städte für die Fußball-EM 2012 „sauber“ zu bekommen, würden „Streuner“ systematisch erschossen, vergiftet, abgeschlachtet.
Unter der Feder von Krone-Tierlady Maggie Entenfellner und garniert mit grausamen Bildern wurde so eine nationale Empörung herbeigeschrieben, die selbst im ORF thematisiert wurde und zu einem politischen Schulterschluss der Parteien führte. Allen voran BZÖ-Hero Peter Westenthaler und FPÖ-Recke HC Strache, dessen Partei 15.000 € für eine von der Krone initiierte Hilfskampagne für die armen Hündchen spendete.
Aber: die Wahrheit liegt oft jenseits der Bilder…
Allein, so ganz blitzsauber war die ganze Geschichte dann doch nicht, wie nun der Mediawatchblog „Kobuk!“ aufdeckte – „Wenn die Ukraine Hunde tötet, stirbt bei uns die Wahrheit“, so der treffende Titel:
Abgesehen von den gesundheitlichen und hygienischen Gefahren, die von streunenden Hunden ausgehen, war die Berichterstattung dieser Krone-Kampagne sehr unsauber…
Keines der gezeigten „Schockbilder“ war aus der Ukraine oder aus dem Jahr 2011 – vielmehr mussten Archiv-Bilder aus Bosnien, Mexiko oder Rumänien herhalten. Auch der ORF zeigte ein Archiv-Video, dessen Quelle lediglich mit „Internet“ betitelt wurde. Zudem trägt auch der Krone-Hilfsverein für die Spendenaktion kein Spendengütesiegel.
Mehr Infos und die Chronologie der Ereignisse gibt es auf kobuk.at.
Realität ist, was in der Zeitung steht…
Also ein klassisches Beispiel von medial konstruierter Wirklichkeit, von herbeigeschriebener Empörung und einer politischen Landschaft, die von der Großmacht des Boulevards regiert wird.
Denn unsere Parteien mögen sich zwar bei nebensächlichen Themen wie Bildungsreform, Eurokrise oder Vermögenssteuern nicht einig sein… Aber wenn’s um (vermeintlich) leidende Hunderln geht, dann will doch niemand derjenige sein, der die Sache kritisch hinterfragt und, Gott behüte, die Krone verärgert – das wäre wahrlich Majestätsbeleidigung.
Wer regiert – das ist hier die Frage…
Sei es, wie es sei – als Fazit der Geschichte möchte ich der Kronen Zeitung keine Kritik aussprechen. Die machen nur Boulevard, das gibt es in anderen Ländern auch und oft noch schlimmer… Jeder freie Medienmarkt braucht Formate jenseits des gehobenen Journalismus, der Boulevard hat eben seinen Markt und damit auch seine Berechtigung (ich lese ja selbst ab und an gerne „seichtere“ Medien…).
Die Crux ist vielmehr der Einfluss der Kronen Zeitung auf die mediale und politische Kultur hierzulande. Während anderswo Boulevardmedien lediglich Boulevardmedien sind, hat in Österreich die Krone eine Relevanz, die ihr erlaubt, der Politik die Marschrichtung zu diktieren. Und genau das ist das Problem in Österreich.
Sehr traurig ist zudem, dass selbst der ORF, dessen Nachrichtenformate ich sehr schätze, bei solchen Themen mitzieht und sich auf dasselbe Niveau herablässt.
