Im Zuge unserer letzten gemeinsamen Bergwanderung führte ich ein interessantes Gespräch mit Andy Jaritz, einem der Gründer von Nomad Earth (Magazin für Faires Reisen und Outdoor-Sport). Ich fand das Gespräch so spannend, dass ich es hier als Interview aufgearbeitet habe. Aber lest am Besten selbst, was Andy über den Zusammenhang von Wandern und nachhaltiger Entwicklung denkt oder wer ihn in punkto Nachhaltigkeit inspiriert hat.
Wir sitzen hier auf mehr als 2.100 Metern Seehöhe und damit weit weg vom Alltagstrubel – was macht für Dich den Reiz aus, immer wieder in die Berge zu „flüchten“?
Zum Einen natürlich die Schönheit der Natur. Zum Anderen ist es auch eine Art Reinigung: Mein Körper schüttelt durch das stetige Bergaufgehen den Büro-Andy ab und meine Gedanken werden nach und nach entspannter. Bis alles draußen ist aus dem Kopf, was dort schwer lastet. Wenn dann auch noch Freunde dabei sind, dann wird eine Wanderung schon fast zu einer dynamischen Gruppenmeditation.
Wow, das klingt ja schon sehr philosophisch… Da möchte ich gleich nachhaken: kannst Du einen Zusammenhang zwischen einer Wanderung und dem Bewusstsein für Nachhaltigkeit herstellen?
Ich versuch’s…. Gehen ist ja unsere ureigene Fortbewegungsmethode, es passiert genau in der Geschwindigkeit, für die der Mensch eigentlich geschaffen ist. Wandern heißt deshalb, sich auf die einfachen Dinge rückzubesinnen, sich einer Entschleunigung zu unterziehen – und das bringt den Menschen näher zur Nachhaltigkeit. Mit Christian Hlade von Weltweitwandern habe ich vor einiger Zeit übrigens über das gleiche Thema gesprochen.
Glaubst Du, dass eine Nachhaltige Entwicklung einfacher wäre, wenn Menschen mehr Zeit in der Natur verbringen, sich also, wie du sagtest, mehr „auf die einfachen Dinge rückbesinnen“ würden?
Ja. Ich glaube, dass wir, nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Verstädterung, den unmittelbaren Bezug zur Natur verloren haben. Viele, und da bin ich selbst einzuschließen, sitzen in Büros oder sind in Bereichen tätig, wo eine direkte Natur-Erfahrung nicht möglich ist. Unsere Arbeit nimmt den größten Teil unserer Zeit in Anspruch. Dadurch verlieren das Gefühl für den Zusammenhang zwischen Mensch und Natur und sind uns der Auswirkungen unseres Handelns nicht mehr bewusst.
Wir arbeiten uns zu Tode, um uns Dinge per Mausklick zu kaufen, die wir eigentlich nicht brauchen. Ein kollektives „Weniger-ist-mehr“ würde uns wahrscheinlich automatisch der Natur näher bringen. Weniger arbeiten, weniger kaufen, weniger Stress. Das täte uns allen und der Natur gut. Aber derzeit bin ich da wohl selbst nicht unbedingt mein bestes Vorbild.
Jetzt eine etwas konkretere Frage: Was darf der Outdoor-Sportler in der Natur bzw. was darf der Reisende in einer Destination? Was sind seine Rechte, was seine Pflichten?
Er darf die Natur erkunden, soll sich möglichst frei darin bewegen können – jeder hat ein Anrecht auf Naturerlebnisse. Jeder sollte es andererseits aber auch als seine Pflicht verstehen, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.
Hast Du eigentlich so etwas wie einen „Green Hero“? Wer hat Dich in punkto Nachhaltigkeit inspiriert?
Ich denke, das ist Yvon Chaunard, der Gründer der Outdoor-Marke Patagonia. Er zeigt, wie man ein erfolgreiches Unternehmen führen und trotzdem ein maximales Maß an Nachhaltigkeit anstreben kann. Seine Autobiografie, „Lass’ die Mitarbeiter Surfen gehen“ war der literarische Anstoß zu Nomad Earth. Sein Buch hat mich unheimlich inspiriert.
Was sind Deiner Meinung nach die schwerwiegendsten Probleme, Herausforderungen und Potentiale einer nachhaltigen Entwicklung im Tourismus?
Aus ökologischer Sicht ist die größte Krux am globalen Tourismus der Ressourcenverbrauch durch Mobilität, also Fliegen, Autofahren etc. Ich glaube, auf globaler Ebene, können nur extreme Energieeffizienz bzw. alternative Energien mehr Nachhaltigkeit in den Tourismus bringen.
Aus soziokultureller Sicht glaube ich, dass wir mit den modernen Kommunikationsmöglichkeiten viel zum interkulturellen Verständnis beitragen können.
Aus ökonomischer Sicht wird es, auch nach der „großen Krise“, keine Abkehr vom Primat der monetären Gewinnmaximierung geben. Eine wirkliche Innovation zeichnet sich da leider nicht ab.
Wo siehst Du Euer Projekt „Nomad Earth“ – was wollt oder könnt Ihr mit Eurem Magazin zu einer Nachhaltigen Entwicklung beitragen?
Vielleicht ein bisschen, vielleicht auch nichts. Wir wollen mit Nomad Earth möglichst viele Menschen davon überzeugen, dass es sich auszahlt, über die eigenen Handlungen nachzudenken. Dass eine Reflektion eben dieser Handlungen die Gesamtsituation verbessern helfen kann und dass es notwendig ist, darauf Acht zu geben, was wir so schätzen.
Wir wollen allerdings keine Moralapostel sein, die mit dem grünen Zeigefinger auf alles zeigen, was falsch läuft. Vielleicht versuchen wir den Leuten auch ein wenig die Trägheit auszutreiben, die unsere schöne konsumorientierte Welt mit sich bringt.
Zum Schluss noch ein wenig Träumerei: wenn Dir eine gute Fee einen Wunsch für Nomad Earth erfüllen könnte – was möchtest Du in 10 Jahren geschafft haben?
Dass Nomad Earth die erste Fluglinie hat, die absolut CO2 neutrale interkontinentale Zeppelin-Flüge anbietet. Natürlich plus Jungfernflug mit allen, die geholfen haben, das Projekt ins Leben zu rufen. So was in die Richtung wäre ziemlich abgefahren, das könnte man von einer guten Fee schon verlangen.
So, das war’s einmal in punkto Andy – aber noch lange nicht mit Nomad Earth… Mario Hainzl, der zweite der Nomad Earth Gründer, ist mindestens genauso für interessante und quer gedachte Ansichten in punkto Nachhaltigkeit & Co bekannt. Ich hoffe, die nächsten Wochen auch ein Interview mit ihm hier veröffentlichen zu können. Bis dahin empfehle ich die regelmäßige Lektüre von Nomad Earth!