Verfasst von: Robert Lecker | November 18, 2008

Gastbeitrag: Nachhaltigkeit als kulturelle Revolution

Gastbeitrag von Christian Thanner: Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Verantwortung der Wirtschaft, sondern auch ein kulturelles Thema im Alltag der Menschen. Vor diesem Hintergrund kann Nachhaltigkeit als eine „kulturelle Revolution“ betrachtet werden, die sich gegen die urbane Kultur der Verschwendung und Maßlosigkeit richtet…

…so die These des Soziologen Karl H. Hörning, der in seinem kürzlich an der Universität Klagenfurt stattgefundenen Vortag „Klimawandel und die Folgen für den lebenspraktischen Alltag“ die Nachhaltigkeitsdebatte um eine soziologische Sicht erweiterte.

Das Bewusstsein über die Gefahren des Klimawandels ist spätestens seit der Ölkrise 1973 vorhanden. Verzichtorientierter Lebensstil hat dennoch kaum eine Chance, sich in unserer von Konsum und Zwängen des globalen Kapitalismus bestimmten Kultur durchzusetzen. Der „Alltagsmensch“ muss Geld verdienen, den  Alltag bewältigen, Beziehungen pflegen, sortiert Müll und fährt anschließend mit seiner Spritschleuder zum Shopping. Zukunftsbezogenes Handeln, wie z.B. Investitionen in energiesparenderes Wohnen, widerspricht sich auch oft mit der mobilen Lebensweise, die von ihm gefordert wird.

Es gibt eine enge Verzahnung von kulturellen Prozessen, die nicht radikal veränderbar sind. Nachhaltigkeit ist in der Praxis daher ein Lern- und Erfahrungsprozess, dem alltägliche Probleme gegenüberstehen. Je besser sie sich  in das Alltagsleben der Menschen integrieren lässt, umso eher ist man bereit, Nachhaltigkeit anstatt Maßlosigkeit zu leben. Vor allem jedoch die Mittel- und Oberschicht, wo die wirtschaftlichen Zwänge nicht mehr so stark sind, kann daher eine potentielle Spielwiese der Nachhaltigkeit sein.

Eine Grundlage dafür ist laut Hörning das Eigenverständnis von Individuen, das sich seit den 80er Jahren entwickelte – man betreibt Self- fashioning, man orientiert sich an immateriellen Objekten, die gesellschaftlich akzeptiert sind, wie Shopping, Sport oder Kunst, um selbst dadurch Anerkennung zu erlangen.  „Wellness“ ist „in“, für alle Arten der Gesundheitspflege gibt es einen medizinischen und gesellschaftlichen Rechtfertigungsrahmen, ebenso für „Bio“ – Produkte oder „Fair Trade“.

Die Chance, Nachhaltigkeit in unseren Alltag zu integrieren, existiert also. Der moderne Mensch hat die Freiheit sich zu bilden, zu informieren, zu konsumieren und sich selbst zu verwirklichen. Gleichermaßen gibt es auch die Freiheit gegen Maßlosigkeit anzugehen, die Freiheit schonender mit der Umwelt  umzugehen, Energie zu sparen und den Lebensstil zu ändern. Wir können  Wohlstand neu zu definieren, hier liegt auch das Potential für eine „kulturelle Revolution“. Anstatt Energie könnten wir auch Zeit, Kommunikation oder Sympathie verschwenden, schließt Hörnig seinen Votrag.

Die Dimension der Nachhaltigkeit, die er damit anführt, ist eine sehr wichtige: Nachhaltigkeit darf nicht nur als alleinige Verantwortung der Wirtschaftsunternehmen gesehen werden, sondern auch als  Verantwortung aller Bürger und Bürgerinnen. So wie auch in einer ganzheitlichen „corporate social responcibility“ die  einfachen Mitarbeitenden „CSR“ leben müssen, kann eine gesellschaftliche Nachhaltigkeit nur auf der Basis dessen funktionieren. „CSR“  muss auch als „citizen social responcibility“ begriffen werden. Politischen Maßnahmen und technischen  Weiterentwicklungen im Sinne der Nachhaltigkeit müssen daher im Idealfall auf Basis eines Dialogs mit „dem einfachen Bürger“ stattfinden, damit dieser sie in seinen Alltag integrieren will.

Die Bereitschaft, im Alltag nachhaltig zu handeln ist sehr von der praktischen Umsetzbarkeit und persönlichem Nutzen abhängig. „Fair Trade“ ist hier ein Glücksfall, da es integrierbar und gesellschaftlich angesehen ist, während es auch auf einer wirtschaftlichen Ebene „gut“ ist. In anderen Bereichen des Alltags, wie etwa im Wohnen, müssen noch einige Probleme der Vereinbarkeit von vorhandenen Lebensweisen und schonendem Umgang mit der Umwelt bewältigt werden. Zu einem großen Teil bleibt nachhaltiges Handeln jedoch Einstellungssache und eine persönliche Herausforderung, die neuen Freiräume zu nutzen.

Über den Autor: Christian Thanner studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Klagenfurt. In seiner Diplomarbeit beschäftigt er sich mit dem bislang vernachlässigten „Mikro“- Bereich der CSR: dabei geht es um die Frage,  wie eine ganzheitliche CSR jenseits der Führungsebenen von Mitarbeitern und entlang der Wertschöpfungskette praktiziert wird.


Antworten

  1. netter Beitrag, Herr Thanner – konnte dem Vortrag leider nicht beiwohnen, hab jetzt aber eh die Key-Learnings präsentiert bekommen.

    Jetz steh ich ja bald unter Publikationsdruck, wenn hier jeder namhafte was schreibt ;-)
    Bin mir aber nicht sicher wie ich mich dem CSR-Thema annähern soll. Evtl. „CSR für die Seele“? ;-)

  2. @ Christoph: ganz einfach. „Digitale CSR“, ein meines Erachtens sehr wichtiges Thema, das ja deinen Kompetenzbereich treffen würde… Vor allem ginge es um die Frage, welche Verantwortung entspringt für Unternehmen dadurch, dass sie Unmengen an Daten über Nutzer, Konsumenten und Bürger anhäufen bzw. wie wid mit dieser Verantwortung umgegangen…

    Bei Interesse einfach bei mir melden :)

  3. digitale CSR scheint interessant zu sein. Gerade Google könnte da so einiges an Gesprächsstoff liefern…

  4. [...] Erst durch diese vier Säulen – Unternehmen, KonsumentINNen, Politik, Kontrollinstanzen – und deren gegenseitigen Beeinflussungen kann der Weg zu einem nachhaltigen Wirtschafts- und Konsumsystem geebnet werden. Vollendet kann er aber meiner Ansicht nach erst werden, wenn die Gesellschaft schlussendlich als ganzes einen kulturellen Wandel vollzieht: weg von unserer derzeitigen Kultur der Maßlosigkeit und des allgegenwärtigen Konsums. Hin zu einer Kultur, in der ein weniger Ressourcen verschlingendes und konsumorientiertes Alltagsleben dominiert. So wie dies der Soziologie Karl H. Hörning vorschlägt, der Nachhaltigkeit als “kulturelle Revolution” bezeichnet – mehr Infos dazu gibt es hier. [...]

  5. Lieber Herr Thanner,

    ich beschäftige mich mit dem Thema „kulturelle Dimension der Nicht/Nachhaltigkeit“.
    Ein paar Texte sind auf meiner Website. Ich freue mich auf eine Kontaktaufnahme.

    Beste Grüße aus Köln
    Davide Brocchi


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