Ein Leser des „Fokus Verantwortung“ hat mich dieser Tage auf das Projekt “10100” aus dem Hause Google aufmerksam gemacht und es als „CSR-Aktion“ an mich herangetragen:
Dabei geht es darum, dass Google einen Ideenwettbewerb ausschreibt, bei dem jene Ideen gewinnen, die den meisten Menschen auf dieser Welt helfen. Bis 20. Oktober kann man Ideen einreichen, im Jänner 2009 werden dann die 100 besten Ideen zur Wahl gestellt. Von den 20 Ideen mit den meisten Stimmen werden dann fünf von einem Beirat ausgewählt, Google stellt schlussendlich 10 Millionen Dollar für die Verwirklichung dieser Projekte zur Verfügung…
Schön und gut – nichtsdestotrotz war ich heute bereits in folgende Diskussion verwickelt: ist dieses Projekt von Google jetzt eine „gute“ bzw. „richtige“ CSR-Aktion oder einfach nur ein schneller „PR-Gag“ zur Imageverbesserung? Eine altbekannte Frage, die man nur zu oft hört, wenn im Alltag über CSR-Tätigkeiten von Unternehmen gesprochen wird… Ein klare Antwort kann man dazu meiner Meinung nach nicht geben – vielmehr muss man in zwei Richtungen argumentieren:
Zum einen ist es phantastisch, vorbildlich und mustergültig, wenn ein Unternehmen wie Google – immerhin die bekannteste Suchmaschine und teuerste Marke der Welt – eine Verantwortung gegenüber der (globalen) Gesellschaft wahrnehmen und etwas zur Verbesserung der Welt beitragen will. Mir fiele auf die Schnelle kein Unternehmen ein, dass ähnliches Potential hätte, Philanthropie und Altruismus derart breitenwirksam zu fördern. Egal, ob Google das jetzt aus „echter“ Verantwortung oder nur zur Imagepflege macht: was am Ende rauskommt, wird vielen Menschen helfen – und das zählt. Denn so verkehrt kann ein Ideenwettbewerb, der von einem Unternehmen mit der Reichweite von Google mit 10 Millionen Dollar unterstützt wird, nicht sein…
…zum anderen muss man jedoch auch anmerken, dass so eine Aktion – so vorbildlich sie auch ist – wenig mit einem strategischen, ganzheitlichen und langfristigen CSR-Konzept zu tun hat. Denn ein solches setzt beim Kerngeschäft an, implementiert gesellschaftliche Verantwortung in die reguläre Geschäftstätigkeit und öffnet das Unternehmen gegenüber seinen Stakeholdern. Einzelne „wohltätige Aktionen“ (wie z.B. das hier diskutierte Projekt von Google) können zwar Teil einer CSR-Strategie sein, sind jedoch NIE die Strategie selbst… Für Google wäre es deshalb ratsam, beim sozial verantwortlichen Handeln zukünftig auch beim Kerngeschäft anzusetzen – dieses wird in den letzten Jahren nämlich von verschiedensten Seiten kritisiert, vor allem in Zusammenhang mit Themen wie Zensur, (fehlendem) Datenschutz und Monopolismus (Infos z.B. hier).
Soweit meine Ansicht zu dieser Diskussion – es würde mich freuen, wenn auch andere LeserInnen des Fokus Verantwortung ihre Meinung dazu in Form von Kommentaren kundtun. Eine schöne Woche wünscht
Robert Lecker
P.S.: Noch ein wenig Werbung in eigener Sache: der ‘Fokus Verantwortung’ wurde jüngst in den News von respACT kurz vorgestellt – den Bericht gibt’s hier.
Hi Robert,
stimme dir voll und ganz zu: hier muss unterschieden werden zwischen “Aktion” und “Geschäftsmodell”.
Während eine Aktion lediglich auf bereits vorhandene Popularität zurückgreift, um das Image in eine Richtung aufzuladen – wenngleich dabei bestimmt Gutes rausspringen kann -, setzt das Geschäftsmodell viel früher an – beim eigentlichen ökonomischen Handeln.
Im Grunde genommen ist die Aktion von Google also nichts anderes, als wenn ein namhafter Schokoladehersteller eine Schule in Mali baut – nur eben, dass noch nicht feststeht, ob eine Schule, ein Waisenhaus, Kanalisation oder Solaranlagen in eben Mali, auf Sumatra, in Harare oder in einem x-beliebigen anderen Staat gebaut werden.
Allerdings sollten imho solche “Aktionen” nicht immer einen negativen Beigeschmack haben. “Greenwashing” ist bestimmt ein Problem, besonders wenn es Fehler im Kerngeschäft überdecken soll. Wenn aber Google seine Click-Rate wie in diesem Fall so einsetzt, soll es mir recht sein.
Bei diesem Projekt “10^100” finde ich besonders spannend, dass auf die Ideen einer riesigen, wenn auch sehr losen “Community” mit Menschen aus allen gesellschaftlichen und professionellen Bereichen zugegriffen werden.
Es bleibt zu hoffen, dass sämtliche Einreichungen einsehbar sein werden…
…und schließlich dass Google bald “echte” CSR wahrnimmt und den Chinesen, Koreanern und allen anderen Digital-Devide-Opfern dieser Welt das grenzenlose Web offenbart!
Mit besten Grüßen und großem Dank für den Blog,
Mario Hainzl
Von: ponyhof08 am September 30, 2008
um 7:03 nachmittags
@ponyhof08
“Es bleibt zu hoffen, dass sämtliche Einreichungen einsehbar sein werden…”
Genau das ging mir auch durch den Kopf, als ich von der Aktion hörte und mal auf die Teilnahmebedingugnen schaute. Ich wurde das komische Gefühl nicht los, dass Google hier evtl. viele tolle Ideen absorbiert ohne den ganzen Prozeß (welche Ideen gehen ein, nach welchen Kriterien wird ausgewählt, können interessierte Mitleser hier kommentierend eingreifen usw. ) offenzulegen.
Ich weiß derzeit auch nicht, was ich von dieser Aktion halten soll. Einerseits kann da ja wirklich was Gutes bei rumkommen. Vielleicht denken wir Skeptiker da einfach zu negativ. Andererseits sieht es so aus, als ob dort Ideen und Daten, wie in einem schwarzen Loch verschwinden könnten.
Von: InaMS am Oktober 1, 2008
um 6:03 vormittags
In einem Gespräch mit einem Unternehmer (StartUp), hat er mich auf die soziale Verantwortung erfolgreicher Unternehmer hingewiesen. Ihre Aufgabe ist es gemeinnützige Projekte oder anderen StartUps zu helfen. Robert hat das ganz schön formuliert, indem er auf die Verantwortung der Unternehmer gegenüber der Gesellschaft hinweist.
Auf mich bezogen, wende ich mich aber lieber an einen Unternehmer, den ich vielleicht sogar persönlich kenne, mit dem ich zu mindestens persönlich Kontakt halten könnte, als an ein solch großes und unpersönliches Unternehmen, wie Google. Vielleicht liegt der Entscheidung auch zugrunde, dass ich Google unterstelle, sich mit dieser Aktion bereichern zu wollen, hinsichtlich der Entwicklung eines positiven Images, aber auch an der Implementierung eigener Ideen.
Ich glaube einem Unternehmer, der in meiner Umgebung tätig ist viel eher, dass er ein Projekt für diese Region (weil jedes Projekt muss erst einmal klein anfangen) unterstützt als einem so globalen Unternehmen mit schlechtem Image bezüglich des Umgangs mit Daten.
Von: Jana Hochberg am Oktober 1, 2008
um 7:45 vormittags
@ Jana, InaMS und Ponyhof:
Vielen Dank für die interessanten Kommentare und die Diskussion. Ich glaube auch, dass die Transparenz des Projekts einer der Knackpunkte von 10^100 sein wird – das wird darüber entscheiden, ob Google hier wirklich offen handelt oder das Projekt einfach nur für strategisches “Crowd Sourcing” nutzt…
…aber wie gesagt: allem Skeptizismus (der gegenüber Unternehmen wie Google auch angebracht ist) zum Trotz, sollte man einfach positiv sehen, dass 10 Millionen Dollar für “gute Projekte” investiert werden und dass damit das Unternehmen mit einer der weltweit höchsten Reichweite bzw. Clickraten ein wohltätiges Projekt antreibt…
lg, Robert
Von: Robert Lecker am Oktober 3, 2008
um 8:57 vormittags
[...] Anlass besonders intensiv zum Thema: CSR und Finanzkrise. Ebenfalls interessant sind auch der Artikel und die Diskussion zum Ideenwettbewerb “10 hoch 100″, der gerade von Google initiiert [...]
Von: Blog-Empfehlungen: Einblicke ins deutsche Gesundheitssystem, CSR und ein Chemielabor » Kreative Strukturen am Oktober 23, 2008
um 6:47 vormittags