Bei meinem letzten Blog-Eintrag wurde ich per Kommentar eines aufmerksamen Lesers auf die Freiwilligkeit von Corporate Social Responsibility angesprochen. Wie ich anführte, ist CSR ja jene Verantwortung, die Unternehmen freiwillig und über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinaus aufbringen.
Darauf Bezug nehmend stellte der Leser folgende Frage:
„Worin sehen Sie [...] den klaren Vorteil einer absolut auf Freiwilligkeit basierenden Idee von CSR?“
Ich muss zugeben, dass ich mir vorher kaum Gedanken über diese Thematik gemacht habe… Warum ist CSR eigentlich freiwillig und wird nicht einfach über strengere staatliche Gesetze den Unternehmen aufgezwungen? Ohne mich jetzt großartig in wissenschaftliche CSR-Literatur zu stürzen, möchte ich dieser Frage einfach mal aus dem Stegreif heraus nachgehen – folgendes fällt mir dazu ein:
Grundsätzlich geht es, wie das Wort „Corporate“ schon sagt, bei CSR um eine Verantwortung, die vom Unternehmen selbst kommen soll. Diese Verantwortung ist insofern gefordert, weil die Relevanz der Nationalstaaten ja zunehmend im Rückgang ist, während die Wirtschaft an Relevanz gewinnt.
Somit wird es wichtiger, dass die Wirtschaft eigenverantwortlich über ihre Rolle in der Gesellschaft nachdenkt. Solange alles von Väterchen Staat aufgezwängt wird, müssen sich Unternehmen nur mehr über die Erwirtschaftung von Gewinnen Gedanken machen – was eine „klassische“ Aufteilung darstellt: der Staat regelt per Gesetz die Verantwortung seiner BürgerInnen, die Wirtschaft braucht über nichts anderes nachzudenken als über das Erzielen von Gewinnen. Dass diese Bipolarität in Zeiten von Globalisierung, Neoliberalismus und Multinationalen Konzernen zu ethischen Verfehlungen geführt hat, ist hinlänglich bekannt.
Durch Freiwilligkeit wird diese Verantwortungs-Kluft zwischen Staat und Wirtschaft reduziert: Aus einer gesellschaftlichen Eigendynamik heraus, durch kritische Öffentlichkeiten und den mit CSR verbundenen ökonomischen Vorteilen (siehe hier und hier) wird den Unternehmen eine neue Form der Verantwortung auferlegt, über die sie eigeninitiativ nachdenken müssen. Dadurch wird ethisches Denken in die Unternehmenstätigkeit integriert, Unternehmen erhalten ein neues Selbstverständnis als Bürger der Gesellschaft. Dies fördert einen langfristigen Bewusstseinswandel über die gesellschaftliche Rolle der Wirtschaft:
Von der alten Wirtschaftsphilosophie…
…„The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“
(Milton Friedman, The New York Times Magazine, 13. September 1970)…
…hin zur neuen Sichtweise…
…“If you want to be a great company today, you also have to be a good company”
(Jeffrey Immelt, CEO General Electric, 2005, Artikel ‘Great and Good’ im Magazin Executive Excellence)
Zusätzlich sehe ich auch strukturelle Vorteile von CSR: Gesetze können meist nur national verordnet werden (abgesehen von EU), während sich die Geschäftstätigkeit von Konzernen global gestaltet. CSR-Rahmenbedingungen oder ein Code of Conduct zum Beispiel haben konzernintern jedoch eine globale Dimension.
Nichtsdestotrotz wird man nach wie vor einen starken gesetzlichen Rahmen brauchen. Nur, wenn seitens der Wirtschaft erst einmal ein hohes Niveau an sozialem und ökologischem Bewusstsein etabliert ist, dann wird es auch leichter sein, das gesetzliche Niveau langsam zu heben und damit die letzten schwarzen Schafe zu binden…
Ich hoffe, ich konnte die Frage beantworten und freue mich auch in Zukunft über interessante Kommentare, die mich dann zu weiteren Blog-Themen inspirieren…
Milton Friedman bindet die hier zitierte unternehmerische Verantwortung allerdings im selben Artikel an Folgendes: „[...] while conforming to the basic rules of the society, both those embodied in law and those embodied in ethical custom.“ Der Teil des Aufsatzes von Friedman wird gern vergessen, um die Forderung nach einem stärkerem sozial-ökologischen Engagement von Unternehmen zu relativieren.
Von: laberena am September 2, 2008
um 7:30
Guter Kommentar, danke für den Hinweis. Leider habe ich von Friedman lediglich dieses populäre Zitat gekannt, nicht jedoch den ganzen damit verbundenen Artikel…
…hab ich aber auch zum ersten Mal in einem Text verwendet, normalerweise zitiere ich in diesem Kontext lieber Clive Crook in einem Artikel im Economist, 20. Jänner 2005:
„The proper business of business is business. No apology required.“
Danke aber auf jeden Fall für den Hinweis und den Link auf euren Blog,
lg Robert
Von: Robert Lecker am September 3, 2008
um 5:13
„Diese Verantwortung ist insofern gefordert, weil die Relevanz der Nationalstaaten ja zunehmend im Rückgang ist, während die Wirtschaft an Relevanz gewinnt.“
-> das ist ja das Problem.
„Zusätzlich sehe ich auch strukturelle Vorteile von CSR: Gesetze können meist nur national verordnet werden (abgesehen von EU), während sich die Geschäftstätigkeit von Konzernen global gestaltet.“
-> die EU ist aus wirtschaftlichen Überlegungen erwachsen, mit dem Ziel Handelsbarrieren abzubauen. Eine Weiterführung dieses Kurses könnte imho CSR als TRojanisches Pferd einspannen.
Ganz dramatisch könnte CSR überhaupt als Legitimation für neoliberalen Politik gesehen werden.
Meiner Meinung nach muss es strengere Richtlinien geben, denn den Tag möchte ich nicht erleben, an dem Konzerne vor CSR strotzend ihre eigenen Gesetze machen.
Von: ponyhof08 am September 8, 2008
um 7:25