Der Trend zu Corporate Social Responsibility kommt nicht von ungefähr oder resultiert aus der plötzlichen Heiligwerdung von Vorstandsvorsitzenden. Im Gegenteil, hinter all dem Tamm-Tamm um unternehmerische Verantwortung passieren mehr oder weniger offensichtliche gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die ich im Folgenden so kurz es geht aufzähle:
Ein erster wichtiger Punkt ist, dass sich die Rolle der Wirtschaft in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geändert hat: während Unternehmen immer größer und immer einflussreicher werden und die Logik des Marktes immer mehr Gesellschaftsbereiche durchdringt, befindet sich der Sozialstaat im Rückgang – dies bringt eine stärkere Notwendigkeit unternehmerischer (Selbst)Kontrolle und dem damit verbundenen Bewusstsein der Öffentlichkeit mit sich. Auch bei den wichtigsten Herausforderungen der Zukunft wie dem Klimawandel oder der Knappheit natürlicher Ressourcen wird die Wirtschaft als großer „Player“ gefordert sein.
Zum anderen sehen wir uns in unserer modernen Informationsgesellschaft mit einer zunehmenden Mediatisierung konfrontiert, das heißt, es gibt immer mehr (mediale) Kommunikation und Berichterstattung. Zusätzlich sorgen neue Kommunikationstechnologien (wie z.B. das Internet) noch für eine Demokratisierung von Informationsflüssen und Publizitätsmöglichkeiten. Kurz gesagt: es wird mehr kommuniziert. Unsere (westliche) Gesellschaft bewegt sich deshalb verstärkt in Richtung Transparenz, ganz einfach kann man das mit der berühmten Metapher vom Reissack in China beschreiben: wenn heute ein Reissack in China umfällt, dann war es früher so, dass es niemanden interessierte, heute jedoch weiß es innerhalb von ein paar Stunden vielleicht schon die ganze Welt…
Somit gehört auch das Konzept vom Unternehmen als eine von seiner Umwelt isolierte und undurchsichtige Einheit bald der Vergangenheit an. Demgemäß sehen sich beispielsweise Konzerne immer öfters kritischen Öffentlichkeiten ausgesetzt, die ethische Verfehlungen der Unternehmen publik machen und sie so an einem sehr empfindlichen Punkt treffen: Ihrer Reputation und ihrem Image – was sich natürlich auch auf den ökonomischen Erfolg negativ auswirkt. Für Unternehmen wird es somit immer aufwändiger, ihre gesellschaftliche Legitimation (aufrecht) zu erhalten.
Hand in Hand mit diesen Entwicklungen geht auch eine zunehmende Sensibilisierung der Konsumenten in Richtung Konsumverhalten und Lebensstil. So gibt es immer mehr Menschen, die beim Einkauf auf die ethischen Rahmenbedingungen der von ihnen gekauften Produkte achten. Daraus entstehen auch neue Konsumtypen und Lebensarten, wie beispielsweise die „LOHAS“ (einen interessanten Blog zum Thema findet man hier), ein Lebensstil bzw. Konsumtyp, der sich sehr stark nach Kriterien wie Nachhaltigkeit, Gesundheit und Ethik richtet. Das ganze geht so weit, dass sich um Themen wie Nachaltigkeit oder Verantwortung mehr und mehr spezifische Märkte bilden (z.B. Bio, Fairtrade, etc…) und verantwortungsvolles Wirtschaften somit auch zu einer effizienten Produktpositionierung führen kann…
So, ich denke, das wäre vorerst mal alles – für Anregungen und Diskussion bin ich natürlich stets dankbar. Und ja, ich weiß – der Eintrag war jetzt eher nicht im Blog-Stil geschrieben, sonder mehr die theoretische Keule… Hab mich aber trotzdem bemüht, es so kurz wie möglich zu halten…
Sehe das nur als bedingt richtig an mit der unternehmerischen Verantwortung. Eher geht die Verantwortung zum einzelnen Individuum über. Schrott verkauft sich immernoch gut, Knebelverträge auch, solange die Kunden es in Kauf nehmen sich für geringeren Preis schlechten Support einzuaufen oder widrige Produtionszustände zu fördern. Schließlich werden Produkte auch dann gerne konsumiert, wenn man weiss, dass die Firma Dreck am Stecken hat. Es gibt eine Vielzahl von Unternehmen die einen schlechten Ruf haben und trotzdem immernoch riesige Gewinne einfahren. Namen muss ich bestimmt nicht nennen, da diese Unternehmen allgegenwärtig sind.
Von: Christian am August 1, 2008
um 10:58 vormittags
hi christian – guter kommentar, leider muss ich dir recht geben. was ich hier beschrieben habe, ist ja eben nur die theoretische sichtweise, in der praxis schaut das natürlich in gewissen branchen ein wenig anders aus – aber darauf gehe ich im nächsten eintrag zu den “grenzen von csr” ein. dieser wird innerhalb der nächsten zwei tage gepostet. lg, robert
Von: Robert Lecker am August 3, 2008
um 12:47 nachmittags
Natürlich, klar – CSR ist noch eine von mehreren Entwicklungen hin zur Marktlogik der Zukunft. Dass die jetzige in dieser Form nicht bestehen wird können, liegt – wie du meiner Meinung nach sehr anschaulich beschreibst – an den veränderten Rahmenbedingungen im globalen Wirtschaftsraum.
Was mich dabei noch interessieren würde – eine Einschätzung deinerseits, zum Thema “Marken als Sinnstifter”:
Wenn nun die Verantwortung für das Handeln großer Firmen von ebenjenen übernommen und auch zentral kommuniziert würde, könnte es dann nicht genau dadurch zu einem weniger wachsamen, leichtgläubigeren Konsumententypus kommen, der in Eigenregie nur wenig Verantwortung von “seinen” Marken einforderd, weil er diese ohnehin erwartet?
Ist natürlich eine Frage, die eher auf größere Konzerne abzielt, auf eine Zeitspanne von womöglich 20, 30 Jahren… als bereits so stattgefundenes Beispiel fällt mir jetzt nur Apple ein…
Und eines möchte ich noch los werden: CSR hin, CSR her – derzeit handelt es sich noch um ein vorrangig westliches Phänomen. Bis die Tiger aus dem Osten eine derart kritische Konsumentenschicht vorweisen können, vergehen noch eine Jährchen… oder?
Ansonsten wünsch ich weiterhin noch viel Erfolg und vor allem Freude mit dem Blog,
Beste Grüße,
M
p.s.: Besucht den Ponyhof. (ponyhof08.wordpress.com)
Von: ponyhof08 am August 4, 2008
um 12:38 nachmittags
@M: danke für den interessanten Kommentar, ich hoffe, dieser Frage so bald wie möglich in einem eigenen Eintrag aufarbeiten zu können. Das mit CSR als “westliches” Phänomen hab ich gerade letzte Woche mal angedacht und werde diese Thematik in einem Blog-Post Ende der Woche – passend zu der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking – anschneiden. Beste Grüße, Robert
Von: Robert Lecker am August 4, 2008
um 2:22 nachmittags
[...] im letzten Eintrag beschriebenen steigenden gesellschaftlichen Erwartungen an die Wirtschaft und deren Verantwortung [...]
Von: Zur Relevanz von CSR, Teil 3: Wie Unternehmen durch gesellschaftliche Verantwortung profitieren (können) « FOKUS VERANTWORTUNG am August 4, 2008
um 9:08 nachmittags
[...] was jedoch bleibt sind die gesellschaftlichen Anforderungen an die Wirtschaft (siehe Blog-Eintrag hier) in Richtung Transparenz und Legitimation. Auch werden die Potentiale für Unternehmen (siehe [...]
Von: Zur Relevanz von CSR, Teil 1: Mögliche Grenzen von unternehmerischer Verantwortung « FOKUS VERANTWORTUNG am August 6, 2008
um 1:09 nachmittags
[...] durch kritische Öffentlichkeiten und den mit CSR verbundenen ökonomischen Vorteilen (siehe hier und hier) wird den Unternehmen eine neue Form der Verantwortung auferlegt, über die sie [...]
Von: Warum CSR vom Faktor Freiwilligkeit lebt… « FOKUS VERANTWORTUNG am September 2, 2008
um 3:26 nachmittags